Schweiz
17.07.2017 07:58

Immer mehr Opfer von Zwangsheiraten

  • Ein junges Paar gibt sich in Indien das Jawort. Die Schweizer Fachstelle Zwangsheirat berät immer mehr Asylsuchende, die Opfer von Zwangsheiraten wurden. (Symbolbild)
    Ein junges Paar gibt sich in Indien das Jawort. Die Schweizer Fachstelle Zwangsheirat berät immer mehr Asylsuchende, die Opfer von Zwangsheiraten wurden. (Symbolbild) | KEYSTONE/EPA/DIVYAKANT SOLANKI
ZWANGSHEIRAT ⋅ Bei der Fachstelle Zwangsheirat melden sich immer mehr Opfer aus dem Asylbereich. Im vergangenen Jahr betreute die Stelle 64 Fälle von Asylsuchenden - mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Zwischen 2005 und 2015 habe die Fachstelle insgesamt "nur" 94 Fälle aus dem Asylbereich betreut, sagte Anu Sivaganesan, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat, gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Bis vor kurzem machten die Asyl-Fälle rund einen Zehntel aller Beratungen aus, mittlerweile einen Fünftel.

Sivaganesan schildert etwa den Fall eines irakischen Kurden, der in der Schweiz als anerkannter Flüchtling lebt. Weil sich seine minderjährige Tochter in seinen Augen zu freizügig aufführte, brachte er sie in die Türkei, um sie dort mit einem Landsmann zu verheiraten - gegen ihren Willen.

Die Tochter wollte dagegen aufbegehren und plante, sich nach der Rückkehr in die Schweiz vom aufgezwungenen Ehemann zu trennen. Als die Eltern von diesen Absichten erfuhren, liessen sie die Tochter in den kurdischen Teil des Iraks bringen. Von dort aus alarmierte die junge Frau ihre Lehrerin in der Schweiz. Ob es den Behörden gelingt, sie zurück in die Schweiz zu holen, ist noch offen.

Opfer häufig junge Frauen

Gegen ihren Willen verheiratet werden meist junge Frauen, oft sind sie sogar noch minderjährig, wie die Auswertung der Fachstelle Zwangsheirat zeigt. Häufigste Herkunftsländer sind Syrien, Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran und Somalia - also vor allem auch jene Länder, aus denen derzeit besonders viele Asylgesuche eingehen.

Allein mit der neuen Flüchtlingswelle lässt sich die Zunahme bei den Zwangsheiraten nicht begründen. Als eine weitere mögliche Erklärung nennt Sivaganesan die zunehmende Bereitschaft der Betroffenen, etwas für die eigenen Rechte und Freiheiten zu tun. "Personen, die neu in die Schweiz kommen, weil der Rechtsstaat hier gut funktioniert, wagen es entsprechend auch, einen Ausweg aus ihrer Leidensgeschichte zu suchen."

Diese beginnt häufig schon vor der Ankunft in der Schweiz, weiss die Präsidentin der Fachstelle. In vielen Fällen würden Personen bereits gegen ihren Willen verheiratet, bevor sie als Asylsuchende in die Schweiz einreisen. "Gerade auf der Flucht wird Heiraten leider bei Minderjährigen als Schutz eingesetzt." Gemäss der Frauenrechtsorganisation der Vereinten Nationen werden beispielsweise minderjährige Syrer und vor allem Syrerinnen auf der Flucht viermal häufiger verheiratet als im Land selbst.

Bis zu fünf Jahre Gefängnis

Doch auch in der Schweiz kommt es zu Zwangsheiraten. Häufig sind auch hier die Opfer weiblich und minderjährig. Fast immer ist es die eigene Familie, welche die Mädchen unter Druck setzt: Weil eine frühe, organisierte Heirat der Tradition im Herkunftsland entspricht - oder weil die Eltern hoffen, ihre Kinder durch eine frühe Hochzeit unter ihresgleichen vor der "dekadenten" westlichen Gesellschaft zu schützen.

In der Schweiz ist Zwangsheirat seit 2013 explizit unter Strafe gestellt. Es drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis. (sda)

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