Luzern
17.07.2017 11:30

Lido-Unfall landet doch vor Gericht

  • Hier, im Strandbad Lido, ereignete sich der folgenreiche Unfall.
    Hier, im Strandbad Lido, ereignete sich der folgenreiche Unfall. | Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 17. Juli 2017)
LUZERN ⋅ Ein Mann springt in der Badi ins untiefe Wasser und ist seither gelähmt. Das von ihm angestrengte Strafverfahren wird von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Zu Unrecht, sagt jetzt das Bundesgericht.

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Es war einer der heissesten Tage des Jahres, der 9. Juni 2014. Viele Luzerner Badeanstalten verzeichneten einen Besucherrekord. So auch das Strandbad Lido in Luzern: 12 000 Gäste besuchten an jenem Tag das Lido. Darunter auch ein Mann, der sich bei einem Kopfsprung vom Badesteg ins untiefe Wasser eine komplette Tetraplegie – eine Lähmung aller Extremitäten – zuzog.

Jetzt hat das Bundesgericht in Lausanne entschieden, dass dieser Fall vom Luzerner Kantonsgericht beurteilt werden muss. Damit korrigiert das höchste Schweizer Gericht Vorentscheide. Rückblick: Die Luzerner Staatsanwaltschaft stellte Ende 2015 ein Strafverfahren wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung ein. Dagegen erhob der Mann Beschwerde beim Kantonsgericht – diese wurde Ende August 2016 abgewiesen. Nach dem Urteil des Bundesgerichtes muss jetzt also die Luzerner Staatsanwaltschaft, welche das Verfahren damals einstellte, Anklage erheben.

Verurteilung ist möglich

Laut Rechtsprechung des Bundesgerichts ist Anklage zu erheben, wenn eine Verurteilung wahrscheinlicher erscheint als ein Freispruch. Gemäss dem jetzt veröffentlichten Urteil des Bundesgerichts ist dies im vorliegenden Fall gegeben. Die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung besteht also. Selbst wenn sich die Wahrscheinlichkeiten die Waage halten würden, drängt sich in der Regel, insbesondere bei schweren Delikten, eine Anklageerhebung auf, schreibt das Bundesgericht weiter. Gemäss dem Basler Erich Züblin, Anwalt des Opfers, ist dies der Hauptgrund für die Anklageerhebung. Ferner sind gemäss Urteil viele Fragen noch ungeklärt.
Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Kantonsgericht waren der Meinung, das Opfer sei für den Unfall und dessen Folgen allein verantwortlich. Man wisse, dass man nicht in untiefe Gewässer springen sollte. Das Kantonsgericht schrieb dazu, dass aus den allgemein anerkannten Regeln nicht abgeleitet werden könne, dass Badestege mit einem Hinweis auf die Gefahr versehen werden müssten. «Dem Beschuldigten kann daher in dieser Hinsicht nicht der Vorwurf einer Sorgfaltspflichtverletzung gemacht werden.» Daraufhin argumentierte der Beschwerdeführer damit, dass bei den Bassins das Verbot des Reinspringens sehr wohl signalisiert sei, bei dem Steg aber nicht. Dieser Einwand sei nicht ohne Fundament, schreibt nun das Bundesgericht und verweist auf die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Laut BfU passieren die meisten Unfälle in Naturbädern, wozu auch Strandbäder gehören, wegen zu geringen Wassertiefen. Daher gelten bei Naturbädern dieselben Anforderungen wie bei Schwimmbädern. Auch beim Steg wäre also auf den geringen Wasserstand hinzuweisen.

Marc Syfrig, Verwaltungsratspräsident der Strandbad Lido AG, ist «etwas überrascht» über dieses Urteil. Dennoch: Er ist überzeugt, dass der Bademeister keine Fehler gemacht hat. Syfrig weist darauf hin, dass zum Unfallzeitpunkt die sechs Baderegeln der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft gut sichtbar aufgestellt waren.

Und doch: Seit vergangenem Jahr hat die Badeanstalt zusätzliche Hinweise auf den Stegen angebracht, die signalisieren, dass man nicht kopfvoran vom Steg springen darf. Das sei aber kein Schuldeingeständnis, wie Syfrig betont. Damit wolle man nochmals auf die Gefahr hinweisen. Das sieht auch Anwalt Erich Züblin so: «Sie haben realisiert, dass man noch mehr machen muss, um Gefahren abzuwenden.»

Das Unfallopfer war am besagten Tag das erste Mal im Lido. Bei seinem Sprung in das rund einen Meter tiefe Wasser muss der Familienvater mit dem Kopf auf dem Grund aufgeschlagen haben. Der Verunfallte wurde von seiner Frau und dem Bademeister aus dem Wasser gehievt, wo zwei Ärzte, die als Badegäste vor Ort waren, Soforthilfe leisteten. Sie stabilisierten den Mann, bis die Ambulanz eintraf. Er wurde im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil behandelt.

(Urteil 6B_1055/2016 vom 04.07.2017)

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