International
13.03.2018 17:13

Türkische Armee kreist Kurdenstadt Afrin ein

  • Zivilisten warten am Dienstag an einem Armeekontrollpunkt in Ost-Ghuta auf ihre Ausreise aus der belagerten Stadt.
    Zivilisten warten am Dienstag an einem Armeekontrollpunkt in Ost-Ghuta auf ihre Ausreise aus der belagerten Stadt. | Keystone/AP/
SYRIEN TÜRKEI KONFLIKTE ⋅ Die syrische Kurdenregion Afrin und das Rebellengebiet Ost-Ghuta sind beide von der Aussenwelt abgeschnitten. Hunderttausende Zivilisten sind eingeschlossen. Die humanitäre Lage ist dramatisch.

Knapp zwei Monate nach Beginn ihrer Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien haben die türkischen Streitkräfte die Stadt Afrin eingekesselt. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete am Dienstag unter Berufung auf die Armee, der Belagerungsring sei bereits am Vortag geschlossen worden.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, mehr als 300'000 Menschen seien nun in der Region eingeschlossen. Die einzige noch offene Strasse, die aus der Enklave herausführe, sei "in Schussweite" der türkischen Kräfte.

Ohne Strom und Wasser

In Afrin hat sich die humanitäre Lage in den vergangenen Wochen immer mehr zugespitzt. Bereits in den vergangenen Tagen waren nach Angaben der Menschenrechtsbeobachter Tausende vor der türkischen Offensive geflohen. Die humanitäre Lage sei auch schwierig, weil die Strom- und Wasserversorgung in Afrin unterbrochen sei.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan warf der YPG vor, "Zivilisten als lebendige Schutzschilde" zu missbrauchen. Die türkischen Streitkräfte hätten bei ihrer Operation bislang "3400 Terroristen neutralisiert", sagte er in Ankara. "Und wir stehen knapp davor, in Afrin einzumarschieren." Der Präsident betonte erneut, es gehe nicht darum, Afrin dauerhaft zu besetzen.

Die türkischen Streitkräfte und syrische Verbündete hatten am 20. Januar die "Operation Olivenzweig" gegen die YPG begonnen. Die türkische Regierung stuft die YPG wegen ihrer Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK als Terrororganisation ein. Ankara argumentiert, dass die "Operation Olivenzweig" nicht gegen internationales Recht verstosse.

Zivilisten nach Damaskus gebracht

Im Zentrum Syriens verliess nach der bislang schlimmsten Angriffswelle der syrischen Regierungstruppen erstmals eine grössere Zahl von Zivilisten das Rebellengebiet Ost-Ghuta. Mehr als 150 Menschen wurden in die benachbarte Hauptstadt Damaskus gebracht, wie die Beobachtungsstelle für Menschenrechte und regierungstreue Medien meldeten. Fernsehbilder zeigten vor allem Alte, Frauen, Kinder und Verletzte, die dringend medizinisch behandelt werden müssen.

Im Rebellengebiet Ost-Ghuta sind rund 400'000 Menschen von den Regierungstruppen eingeschlossen. Wegen der Kämpfe und Blockade ist die humanitäre Lage dort ebenfalls katastrophal.

Syrische Regierungskräfte hatten vor mehr als drei Wochen eine Offensive auf Ost-Ghuta begonnen. Sie konnten mehr als die Hälfte der Region einnehmen. Die verbliebenen Rebellengebiete sind in drei Teile aufgespalten. In einer Video-Botschaft kündigte der Sprecher der Dschaisch-al-Islam-Milizen, Hamsa Birkdar, an, Ghuta werde "bis zum Ende" verteidigt.

Seit Beginn der Offensive sind nach Angaben von Aktivisten rund 1200 Menschen durch Luftangriffe und Artillerie ums Leben gekommen. Die Uno hatte am Montag gefordert, mehr als 1000 Kranke und Verletzte so schnell wie möglich aus Ost-Ghuta zu bringen.

Russland hat für Ost-Ghuta eine tägliche fünfstündige Waffenruhe angekündigt. In den vergangenen Tagen hatten trotzdem nur vereinzelt Menschen das Gebiet verlassen. Auch Hilfslieferungen kamen bisher kaum hinein.

"Zeit der Hoffnung vorüber"

Die Vizechefin des Uno-Nothilfebüros (Ocha), Kate Gilmore, erklärte in Genf, die Menschheit versage in Syrien. Allein in Ost-Ghuta lebten 125'000 Kinder seit Jahren unter Belagerung, würden permanent bombardiert und seien schwer traumatisiert. "Die Zeit der Hoffnung ist vorüber", sagte sie. Niemand werde aber ungestraft davon kommen. "Wir schauen nicht tatenlos zu."

Verantwortliche für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit würden identifiziert und Beweise gesammelt. Ein Tribunal werde sie zur Rechenschaft ziehen. (sda/dpa/afp/reu)

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