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14.02.2020 00:00

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«Ä wieder eisch hie!»

FORUM ⋅ Wer Schwyz verlässt, der wird exkommuniziert. Man muss gar nicht weit gehen, ein Studium in Zürich genügt. Und wenn man dann zum ersten Mal wieder den Kopf durch die Tür einer Schwyzer Beiz streckt, heisst es: «Lo dett, de Zürcher!» und «Ä wieder eisch hie!» Dann merkt man, dass man sich fast über Nacht verwandelt hat. Natürlich ist man kein Zürcher geworden! Aber so ganz zum Club gehört man eben auch nicht mehr.

Später bin ich in Schwyz auch zum Wiener geworden und zum Berliner – man gewöhnt sich daran. Irgendwann, vermute ich, sagen die Leute in der Beiz nichts mehr. Dann weiss man, dass man wirklich kein Schwyzer mehr ist. Heimat gibt es nur, wenn jemand da ist, der sich an einen erinnert.

Streng genommen war ich aber sowieso nie ein Schwyzer. Mein Grossvater zog aus Appenzell hierher. Er war Journalist wie ich. 1941 verfasste er in der «Alten und Neuen Welt» eine Reportage über den Talkessel. Den typischen Einwohner beschrieb er so: «etwas eigenwillig, starrköpfig, nüchtern, verschlossen, von langsamer Art, ein bisschen Spiesser und stark auf den Nutzen eingestellt». Er schrieb von einem «Holzboden der Kultur» und Mädchen, denen es an Charme und Fröhlichkeit fehle. Tanzen würden sie auch nicht besonders gut, wusste mein Grossvater. Der Artikel war ein Skandal, die Anfeindungen waren heftig. Was erlaubte sich da dieser fremde Fötzel?!

Die Vorstellung, dass mein Grossvater die Schwyzer geärgert hat, hat mir schon als Kind gefallen. Wir sind halt nicht von der Ober-, Unter- oder Hinterallmeind, dachte ich mir, und dass die Weite dieses Föhntals auch ein wenig überschätzt wird.

Die Schwyzer und die Fremden – das ist eine merkwürdige Beziehung. Das Wort «hiesig» habe ich eigentlich immer nur in Schwyz gehört. Es heisst «hier ansässig, von hier stammend». Nirgendwo ist es so wichtig, woher man kommt, wie in Schwyz.

Wer den Ort verlässt, erfährt aber schnell, dass das Image des Kantons nicht das allerbeste ist. Das hat vor allem mit Politik zu tun. Volksinitiativen, die die Zuwanderung begrenzen wollen, sind hier fast immer willkommen. Die SVP ist der Platzhirsch. Schwyz wirkt auf Fremde so, als befände es sich in einem permanenten Abwehrkampf gegen alles, was von aussen kommt.

Sind die Schwyzer Fremdenfeinde? Ich verteidige den Ort immer. Gerade weil die Menschen so eine hohe Meinung von ihrer Herkunft haben, sind sie in der Praxis oft sehr integrativ. Sie wissen, woher sie kommen, Traditionen werden gepflegt – wer von aussen kommt und offen ist, der wird hier früher oder später aufgenommen. In Berlin, wo ich lebe, diskutieren Politiker immer wieder über die Notwendigkeit einer Leitkultur, in die sich Migranten eingewöhnen können. In Schwyz ist diese Kultur eine gelebte Selbstverständlichkeit.

Im vergangenen Jahr ist in Muota­thal ein junger Mann gestorben, der wegen seiner Hautfarbe «dr Einzig» genannt wurde – sein Name machte in der ganzen Schweiz Schlagzeilen. Ich kannte den «Einzigen» nicht persönlich, aber manchmal erzähle ich Bekannten in Berlin von ihm. Sie reagieren oft empört und sagen irgendwas mit «Rassismus». Ich sehe es anders. Der Name zeigt gerade, wie sehr der «Einzige» dazugehört hat. Und so ist man eben auch als «Berliner» noch ein Schwyzer, zumindest ein bisschen. Denn wenn man nicht Schwyzer wäre, würden einem die Leute nicht Berliner sagen.

Das gehört zur Integrationskraft des Dorfes, jeder bekommt hier seine Rolle zugewiesen. Meine Mutter, zum Beispiel, kommt aus Basel und lebt seit über vierzig Jahren hier. Aber irgendwie ist sie auch «d Basleri» geblieben. Wenn sie an die Schwyzer Fasnacht geht, wollen mit ihr alle über den Mor- gestraich reden. So ist das Dorf eben. Man kann hier nie von null anfangen. Kommt immer von irgendwo.

«Trotzdem ist es eine Freude, in Schwyz zu leben», hielt mein Grossvater am Ende seines Artikels fest – er bezog sich vor allem auf die Heiterkeit der Landschaft. Als er ein Haus baute, liess er einen Spruch an die Wand schreiben: «Zur Herberg hier für kurze Zeit, die Heimat ist die Ewigkeit.» Sein Haus stand in Schwyz.

Hinweis

Im «Bote»-Forum schreiben regelmässig prominente Schwyzerinnen und Schwyzer. Sie sind in der Themenwahl frei und schreiben autonom. Der Inhalt des «Bote»-Forums kann, muss sich aber nicht mit der Redaktionshaltung decken. (red)

Benedict Neff

Der heutige Autor Benedict Neff ist Deutschland-Korrespondent und für die «Neue Zürcher Zeitung» tätig. Er wohnt in Berlin.

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