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16.08.2019 20:00

Klöppel droht Glocke zu beschädigen

  • Die grosse Theodulsglocke im Südturm der Luzerner Hofkirche. Der Klöppel ist möglicherweise zu schwer für sie. Bild: Nadia Schärli (Luzern, 12. August 2019)
HOFKIRCHE LUZERN ⋅ Experten sind besorgt. Zu intensive Schwingungen könnten zu Rissen in der grossen Glocke der Luzerner Hofkirche führen. Die Kirchgemeinde prüft allfällige Massnahmen.

Hugo Bischof

2 Meter hoch, 5 Tonnen schwer und 386 Jahre alt ist die nach dem gleichnamigen Heiligen benannte Theodulsglocke im Südturm der Hofkirche Luzern. Sie ist die grösste der total acht Glocken in den beiden Hofkirche-Türmen. Wohlgeformt, wohlklingend, scheinbar für die Ewigkeit gegossen. Aber auch solch imposante Kirchenglocken können langfristig Schaden nehmen. Etwa wenn der Klöppel innen zu heftig gegen die Glockenwand schlägt, sodass diese im schlimmsten Fall Risse erhält.

Einige Klöppel der Hofkirche-Glocken seien «proportional sehr schwer, was die mechanischen Belastungen auf die Glocken unnötig verstärkt», sagt nun der Berner Kunsthistoriker und Glockenexperte Matthias Walter. Droht hier also ein Riss in der Glocke?

Klöppel letztmals im Jahr 2007 ersetzt

Der Klöppel der Theodulsglocke wurde letztmals 2007 ersetzt – durch die Glockengiesserei Rüetschi in Aarau. Sie ist eines der in Europa renommiertesten Glockenbau-Unternehmen, blickt auf eine 650-jährige Firmengeschichte zurück und betreute das Hofkirche-Geläut ab 1930. In dieser Zeit seien mehrere Instandstellungen oder Restaurierungsarbeiten dokumentiert, sagt René Spielmann, Geschäftsführer der H. Rüetschi AG. Derzeit führt die Muff Kirchturmtechnik AG Triengen die laufende Wartung an Turmuhr und Geläute aus. Spielmann sagt:

«In der Branche der europäischen Glockengiesser und begleitenden Fachleute aus Architektur, Technik und Denkmalpflege legte man das Augenmerk früher nur auf den sichtbaren Verschleiss der Klöppel. Eine andere Analysetechnik stand nicht zur Verfügung.»

Erst ab Ende der 1990er Jahre habe man begonnen, die Rolle der Materialermüdung zu untersuchen: Auslöser war das Forschungsprojekt ProBell. Es wurde auf Initiative von acht europäischen Glockengiessereien (darunter für die Schweiz die Rüetschi AG) und drei Hochschulen/Universitäten von 2005 bis 2008 an der Hochschule Kempten durchgeführt.

Eine Ermüdung sei vor Eintritt des Schadens nicht sichtbar und nur mit Simulationen, Labor-Untersuchungen, Sensorik-Analysen und anderen wissenschaftlichen Methoden zu bestimmen, sagt Spielmann. Heute sei dies möglich – dank zusätzlichen Forschungsprojekten, an denen auch der Glockenexperte Matthias Walter beteiligt war. Ein entscheidender Faktor sei die Anschlagsintensität. Die Klöppelbeschleunigung, die Geometrie des Klöppels und die für den Stoss aktive Masse des Klöppels (nicht zu verwechseln mit dem Klöppelgewicht) tragen dazu bei, sagt Spielmann. Dazu kämen die Steifigkeit des Schlagrings, die Masse der Glocke, aber auch Werte wie der Läutewinkel der läutenden Glocke.

Kirchgemeinde will allfällige Massnahmen prüfen

«Wir empfehlen aufgrund der historischen Bedeutung des Hofkirche-Geläutes eine systematische Analyse der Belastungen während des Glockenbetriebs basierend auf den ProBell-Methoden, die Rüetschi in der Schweiz mitaufgebaut hat», sagt Spielmann. Solche ingenieurmässigen Messungen gab es beim Hofkirche-Geläute bisher nicht. Damit könne man auch «die Basis legen, um den Glockenklang digital zu erfassen». Der Berner Glockenexperte Matthias Walter sagt:

«Es gilt, eine gute Balance zu finden zwischen geringer Beanspruchung und dennoch majestätischem Klang.»

Dabei gelte es Augenmass zu wahren:«Denn übermässige Schonung geht auf Kosten der guten Klangwirkung.» Die Kirchgemeinde Luzern weiss um die Problematik. Mediensprecher Urban Schwegler sagt:

«Wir behalten die Situation im Auge und werden sie mit allen Beteiligten analysieren.»

Dazu gehörten die Rüetschi AG, die Muff Kirchturmtechnik AG Triengen sowie weitere Experten und die Denkmalpflege. «Wenn gesicherte Kenntnisse vorliegen, werden wir allfällige Massnahmen prüfen.» Schwegler betont: «Der Erhalt der historischen Glocken liegt uns sehr am Herzen.» Nicht zuletzt darum habe man eine neue Läutordnung eingeführt, mit abwechslungsreicherem, leicht reduziertem Geläute (Ausgabe vom 10. April).

Sollten Risse auftreten, hätte dies gravierende Folgen. «Dann müsste die betroffene Glocke aufwendig geschweisst werden – in einer externen Werkstätte», sagt der Experte Matthias Walter. Da eine Reparatur auch eine Demontage der Glocke und eine Entfernung aus dem Turm bedingen würde, könnte das bei grösseren Glocken tüchtig ins Geld gehen. Walter betont:

«Wir rechnen bei einem Schadenfall mit Kosten von 30 000 bis 100 000 Franken.»

Noch schwerer wiegen würde, dass damit «ein heute original vorhandenes Denkmal unwiederbringlich zerstört würde», sagt René Spielmann: «Die Glocke umfasst in ihrer Klangausprägung, mit ihrer künstlerischen Gestaltung der Glockenzier und den gegossenen Texten einen historisch gestalteten Bronzegusskörper. Geht der Riss durch die Skulpturen oder Texte, sind diese zerstört; sie können zwar repariert und wieder instandgestellt werden, die Stellen sind dann aber sichtbar und nicht mehr von originaler Qualität.»

Den laufenden Unterhalt der Kirchtürme mit Glocken trägt die Kirchgemeinde. Grössere Unterhaltsarbeiten werden zwischen dem Chorherren-Stift als Teilbesitzer der Hofkirche und der Kirchgemeinde verständigungsweise geregelt. Glocken überdauern meist Jahrhunderte, Klöppel hingegen werden oft ersetzt. Das ist aber nicht zwingend so, sagt Matthias Walter: «Es gibt auch 500-jährige Klöppel, die immer noch in den Glocken hängen und ihren Dienst wunderbar versehen.»

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