Luzern
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14.10.2021 16:11

Der Kapitän nimmt uns mit an Bord und unter Deck

  • Kapitän Roger Maurer an einem Aussenfahrstand.

    (Dominik Wunderli (Luzern, 27. September 2021))
  • Möwen begleiten die «Stadt Luzern» im Seebecken. (Dominik Wunderli (Luzern, 27. September 2021))
  • An den Landungsstegen wird das Schiff festgemacht, die Zugangsbrücken liegen in Stellung.

    (Dominik Wunderli (Luzern, 27. September 2021))
  • Im Salon 2. Klasse von Luzern nach Flüelen. 
    (Dominik Wunderli (Luzern, 27. September 2021))
  • Drei Zylinder hat das jüngste Dampfschiff auf dem Vierwaldstättersee.

    (Dominik Wunderli (Luzern, 27. September 2021))
  • Adrian Burch (vorne) und Sandro Cattaneo im Maschinenraum.  (Dominik Wunderli (Luzern, 27. September 2021))
  • Kapitän Roger Maurer auf der Kommandobrücke. (Dominik Wunderli (Luzern, 27. September 2021))
DAMPFSCHIFF STADT LUZERN ⋅ Die «Stadt Luzern» ist noch bis 17. Oktober auf dem Vierwaldstättersee im Einsatz. Wir haben die Crew auf einer der letzten Fahrten der Saison begleitet.

Roger Rüegger

Mit zwei Sätzen zaubert Roger Maurer (58) einem Fahrgast aus Basel ein Lächeln aufs Gesicht. «Ja, auf allen fahrplanmässigen Kursschiffen der SGV. Willkommen an Bord», beantwortet der Kapitän der «Stadt Luzern» die Frage, ob die SBB-Tageskarte gültig sei.

Der Passagier steigt am Steg 1 in Luzern zu. Ziel: «Vermutlich Flüelen, mal schauen.» Das Dampfschiff legt um 11.12 Uhr zu einer der letzten Fahrten ab. Am 17. Oktober ist für die «Stadt Luzern» Saisonende. Die Anzahl der Fahrgäste ist überschaubar, wie häufig in diesem Jahr.

«Die SGV hat im 2021 grosse Frequenzeinbussen im Vergleich zum 2019 zu verzeichnen», sagt Raffael Grütter, Leiter Marketing Schifffahrt der SGV. Es sei jedoch eine leichte Steigerung gegenüber dem sehr schlechten 2020 zu verzeichnen. Positiv sei der Trend, dass die Zahlen 2021 gegenüber dem Vorjahr 30 Prozent im Plus liegen. Hier spiele jedoch der Lockdown vom März bis Anfang Juni 2020 mit rein.

Eine Schulklasse geniesst den Ausflug sichtlich. Die Buben und Mädchen auf dem Aussendeck unterhalten sich im Fahrtwind in der notwendigen Lautstärke. Möwen und das stampfende Geräusch des Schaufelrads im Wasser bilden einen hohen Lärmpegel, den es zu übertönen gilt. Die Fahrt wird sich über mehrere Stunden hinziehen. Planmässige Ankunft in Flüelen: 13.55 Uhr.

Bis zum ersten Halt beim Verkehrshaus befinden sich die meisten Fahrgäste noch auf einem Deck im Freien. Der Kapitän hat seinen Dienst auf der Kommandobrücke noch nicht angetreten. Vorerst steuert Schiffsführer Roland Steger. Maurer unterstützt derweil Kontrolleur David Stettler beim Checken der Fahrscheine sowie beim Festmachen des Schiffs mit dem Tau an Landungsstegen und bringt die Zugangsbrücken in Stellung.

Die Sonne scheint, es ist windstill. «Bestes Dampfschiffwetter. Das wird eine ruhige Fahrt», prophezeit Maurer. Nach 40 Jahren auf dem Vierwaldstättersee wird er es wohl wissen. Bei all der Routine beginnt für ihn dennoch jeder Tag und jedes Manöver bei null. Wind und Wetter müssen berücksichtigt werden und der Kapitän muss den Fahrplan einhalten. Das ist bei schlechter Witterung mit starkem Wind und Wellengang eine Herausforderung. Allenfalls wird er entscheiden müssen, eine Station aus Sicherheitsgründen auszulassen.

In diesem Frühling hat sich sein Berufsalltag gewandelt. Nach zehn Jahren auf der «Schiller» hat der Horwer das Kommando der «Stadt Luzern» übernommen. Das 1928 erbaute Schiff ist während zweieinhalb Jahren in der Werft der Shiptec AG, einem Tochterunternehmen der SGV-Gruppe, von Grund auf revidiert worden und nahm am 1. Mai wieder Fahrt auf.

Der Maschinenraum ist blitzsauber

Auf die neue Aufgabe angesprochen, wird Maurer nicht müde zu erwähnen, dass ein Dampfschiff ohne Kapitän auslaufen könne, ohne ein funktionierendes Team an Bord jedoch nicht.

Das betrifft einerseits den Gastrobereich, aber auch die Technik. Zeit also, den Maschinenraum im Bauch des Schiffes über eine steile Treppe aufzusuchen und den Maschinisten über die Schultern zu blicken. Wer eine Bruthitze, offenes Feuer, einen russgeschwärzten Heizer neben dem ölverschmierten Bordmechaniker erwartet, wird enttäuscht.

Die Maschinisten Sandro Cattaneo und Adrian Burch wischen immer wieder mit einem Lappen über eine Fläche oder eine Leitung, es ist blitzsauber. Der Geräuschpegel ist hoch, regelmässig ertönt ein Klingelton, der ein Kommando der Brücke signalisiert. Jeder Tempowechsel wird akustisch begleitet. Per Maschinentelegrafen wird die Meldung vom Schiffsführer quittiert. Beim Anfahren einer Station wird von «Voll» auf «Langsam» gewechselt, beim Ablegen auf «Vorwärts» und später auf «Volle Kraft».

Geheizt wird der Kessel der «Stadt Luzern» nicht mit Kohle, sondern mittels Diesel, der in einem 8000-Liter-Tank mitgeführt wird. Die Steuerung des jüngsten Dampfschiffs auf dem Vierwaldstättersee erfolgt hydraulisch und nicht mechanisch, wie die «Uri» oder die «Schiller». Die «Stadt Luzern» ist zwar das Flaggschiff der SGV-Flotte, aber nicht die erste Wahl für Nostalgikerinnen und Nostalgiker, da sind sich auch die Maschinisten einig.

«Bei älteren Modellen müssen wir permanent Lager und Gleitflächen schmieren. Deren zwei Zylinder sind zudem attraktiver anzuschauen als die drei auf diesem Schiff. Dafür ist die Technik der ‹Stadt Luzern› genial und die Maschine ist für uns leichter zu bedienen als etwa die ‹Schiller› oder die ‹Uri›. Wobei die ‹Uri› gutmütig reagiert, während die ‹Schiller› impulsiv ist.» Cattaneo erweckt den Eindruck, dass er von Maschinen mit einer Seele spricht. Der Techniker hält fest:

«Das ist so, die reagieren sensibel, man muss sie fühlen.»

Interessant und wie zu Anfangszeiten präsentieren sich die Messingsprachrohre, die wie überlange Trompeten wirken und zur Kommandobrücke führen. Cattaneo, der seit 30 Jahren auf dem Vierwaldstättersee unterwegs ist, sagt:

«Das ist die zuverlässigste Form der Kommunikation. Messing ist ein guter Leiter und wir sind nie auf Elektrizität angewiesen.»

Der gelernte Rheinschiffmatrose war immer unter Deck tätig. Ein Job auf der Kommandobrücke hat ihn nie gereizt.

Kapitän arbeitete schon als Schüler auf dem Schiff

Ganz anders Roger Maurer, der inzwischen das Ruder übernommen hat. Er arbeitete 1977 zum ersten Mal in den Schulferien auf dem Motorschiff «Rigi» im Gastrobereich. Nach Abschluss der Sekundarschule wollte er die Hotelfachschule besuchen, was aber dann nicht seinen Vorstellungen entsprach. Stattdessen trat er bei der SGV eine kaufmännische Ausbildung an. Später verbrachte er eine Wintersaison in Davos bei den Bergbahnen. 1987 folgte die erste Schiffsführerprüfung für Fahrgastschiffe bis 300 Personen und nach weiteren Prüfungen für grössere Motorschiff-Kategorien besitzt er seit 2005 die Lizenz für Dampfschiffe.

Die Zusammenarbeit zwischen Kommandobrücke und Maschinenraum muss sitzen. Maurer erklärt:

«Auf einem Dampfschiff wird mit allen Sinnen gefahren.»

Und er führt weiter aus: «Der Maschinist muss meine Kommandos quittieren und exakt ausführen. Wenn ein Schiff in Sichtweite ist, welches unseren Kurs kreuzt, müssen wir vorausschauend agieren und dabei immer auch den Fahrplan im Auge behalten.» Der Kapitän kommt kaum zur Ruhe. Bei jeder Anlegestelle begibt er sich in einen der beiden Aussenfahrstände.

Beim Anlegen in Treib weckt eine Stimme aus einem Gartenrestaurant seine Aufmerksamkeit. «Hallo Roger, schön Dich zu sehen. Gute Fahrt», wünscht ihm ein Bekannter und hebt sein Weinglas. Maurer lacht und winkt zurück. «Es gibt viele schöne Momente», sagt er und gibt ein Beispiel, das ihn berührte:

«Bei der ersten Fahrt mit der ‹Stadt Luzern› fragte mich ein kleiner Bube, ob ich der Kapitän sei. Dann schenkte er mir eine Zeichnung vom Schiff mit dem Kapitän.»

Was ihn immer freut, sind Rückmeldungen der Passagiere. «Wenn alle gesund von Bord gehen, war die Fahrt erfolgreich und wir können mit gutem Gewissen Feierabend machen.» An diesem Tag legt die «Stadt Luzern» bei der Werft an, weil eine technische Arbeit ansteht. Dort bleibt sie auch im Winterhalbjahr. Die Maschinisten werden in der Werkstatt eingeteilt, der Kapitän im Fahrdienst auf den Motorschiffen und in der Ausbildung für angehende Schiffsführerinnen und Schiffsführer.

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