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20.09.2019 05:10

Fast eine normale Urner Familie

  • Rahel Baumann (Mitte) hat das Down-Syndrom (Bild: Christian Tschümperlin, Erstfeld, 18.9.2019)
URI ⋅ Rahel ist 17, mag Meeresfrüchte, spielt gerne Gitarre, ist glücklich und hat das Downsyndrom.

Christian Tschümperlin

Rahels Mutter Patricia Baumann öffnet die Türe und strahlt einen an. Man hat sofort den Eindruck: In diesem Haus sind alle willkommen. Auch Rahel gesellt sich dazu. Sie gibt freundlich die Hand, sagt «Grüezi» und lächelt. Ihr erwärmendes Lächeln wird sie im Gespräch immer wieder zeigen. Bei Kaffee und Kuchen berichten die beiden daraufhin aus ihrem Alltag. Rahel hat das Downsyndrom.

Die Siebzehnjährige spielt gerne Gitarre und Flöte, kuschelt gerne mit Kater Filou, geht ins Zumba und ins Tanzen, wo sie schon fast den Spagat machen kann. Mit ihrem Bruder David (20) spielt sie gerne Verstecken. Wenn sie laufen gehen müsse, mache sie das aber «hässig», sagt Rahel. Patricia Baumann sagt:

«Wir sind eigentlich eine ganz normale Familie»

Es gehe einfach alles ein bisschen langsamer. Und Rahel braucht eine intensive Begleitung. «Alleine an den See zu gehen, ist kein Thema», sagt die Mutter. Aber sie erledige durchaus mal ein paar Besorgungen im Coop. Dabei zeigte sich Rahel schon erfinderisch. Einmal habe sie nebst der Einkaufsliste auch noch ein Pack Gummibärchen gekauft. Als die Mutter sie darauf ansprach, leugnete sie es. «Sie stehen aber auf dem Kassenzettel», entgegnete Patricia Baumann. Beim nächsten Einkauf habe der Kassenzettel gefehlt.

Schon viele schöne Episoden erlebt

Patricia Baumann deutet auf eine Folie mit vier Symbolen: Darauf ist ein lachendes, ein weinendes, ein wütendes und ein normales Gesicht zu sehen. Mithilfe dieser Gesichter kann Rahel mitteilen, wie sie sich fühlt. «Wie geht es Dir?», fragt daraufhin der ebenfalls anwesende Michael Ledergerber von der Behindertenorganisation Procap. «Besser», sagt Rahel und lächelt. Ihre Mutter erklärt: «Gestern war Rahel noch erkältet.» Ausserdem scheint die Tochter etwas aufgeregt zu sein. Aber nicht wegen des Besuchs der Zeitung. Den sieht sie locker. Sondern weil sie am 25. Oktober mit ihren Freunden ihren 17. Geburtstag feiern wird – in der Garage. «Damit alle Freunde Platz haben», sagt Rahel.

Die Familie hat schon viele schöne Episoden mit Rahel erlebt: Gemeinsam haben sie Australien, Indonesien und Malaysia bereist. Rahel mochte das Essen, besonders die Meeresfrüchte. In Malaysia besuchte die Familie ein grosses Restaurant. «Es war enorm hektisch. Als der Kellner zu uns an den Tisch kam, gab ihm Rahel mit ihren Händen zu verstehen, dass er eine Stufe runterfahren soll. Er musste lachen», erinnert sich Baumann.

Rahel besuchte den Kindergarten. Danach entschied sich die Familie aber, sie in der Sonderschule der Stiftung Papilio einzuschulen. Rahel gefällt es dort. Sie mag Deutsch, Mathematik und Musik.

War denn die Einschulung in eine normale Schule jemals ein Thema? «Das war ein Thema», sagt die Mutter. Die Familie entschied sich aber aus praktischen Gründen für die Sonderschule: Ein Problem war der fehlende Mittagstisch an den Volksschulen. «An der Sonderschule konnte sie Mittagessen und es gab ein Schultaxi», erklärt Baumann. «Sprachtechnisch wäre es vielleicht besser gewesen, sie in eine normale Schule zu integrieren.»

Rahel möchte Kassiererin werden

Und welchen Beruf möchte Rahel einmal erlernen? «Kassiererin», sagt sie, ohne nachzudenken. Vorerst wird sie nun aber bei der Stiftung Behindertenbetriebe Uri in Schattdorf arbeiten.

Michael Ledergerber spricht davon, dass ein Job im ersten Arbeitsmarkt in der heutigen, schnelllebigen Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr sei – und dies, obwohl alles von Integration spreche. «Früher gab es für Menschen mit Behinderung mehr Möglichkeiten, an Nischenarbeitsplätzen zu arbeiten. Viele wurden wegrationalisiert.» Deshalb entstehe für viele Menschen mit Behinderung ein Bruch im Lebenslauf, wenn es darum gehe, berufstätig zu werden. «Die IV unternimmt grundsätzlich viel für berufliche Massnahmen.» Aber es brauche auch die Wirtschaft.

Baumanns Wunsch an die Gesellschaft ist es denn auch, dass man sich in den Betrieben wieder mehr Zeit nimmt, dass auch Leute wie Rahel irgendwo eine Stelle finden.

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