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26.03.2020 05:10

Krisenchef Ignaz Zopp: «Griffigere Massnahmen im Vordergrund»

  • Ignaz Zopp im Kommando-Posten im Krump. (Bild: Florian Arnold (Erstfeld, 24. März 2020))
URI ⋅ Wegen der ausserordentlichen Lage ist in Uri der Kantonale Führungsstab im Einsatz. Dieser muss auch unpopuläre Entscheide fällen.

Interview Florian Arnold

Ignaz Zopp leitet den Kantonalen Führungsstab (Kafur), der vom Urner Regierungsrat am 16. März eingesetzt wurde. Noch hat Uri die Lage im Griff – doch essenziell ist nach wie vor, dass die Vorgaben befolgt werden. Im Interview sagt Ignaz Zopp, weshalb.

Uri, die Schweiz und die Welt stecken in der Krise. Wie gut waren Sie als Krisenchef auf so etwas vorbereitet?Ignaz Zopp: Vor zwei Wochen konnte ich mir das nicht vorstellen. Plötzlich ist die Lage sehr ernst. Es gilt, eine Risikogruppe sowie ein Gesundheitssystem zu schützen. Und das bedeutet auch, unpopuläre Entscheide zu fällen.Sie sprechen die Ausgangsbeschränkung für über 65-Jährige an.Es war eine Ausgangsbeschränkung und kein -verbot für eine Risikogruppe, die das BAG speziell schützen will. Wir haben dies auf der Grundlage der Verordnung des Bundes entschieden. Es war kein Verstoss gegen das Gesetz, was uns das EJPD am Donnerstagabend auch bestätigt hat. Wir haben unsere Möglichkeiten ausgeschöpft. Aber hat es Sinn gemacht, dass der Kanton Uri seinen eigenen Zug fuhr?Die Verordnung liess Kantonen die Möglichkeit offen. Und wir haben zu diesem Zeitpunkt festgestellt, dass die Empfehlungen für die Risikogruppe bei dieser zu wenig ankam. Das war der Hauptgrund für unsere Massnahmen. Wir mussten zusehen, dass die Massnahmen griffiger werden. Neben der Risikogruppe ging es auch darum, das Pflegepersonal und die Pflegeinstitution zu schützen. Ein Patient aus der Risikogruppe, der ins Spital gebracht werden muss, kann verheerende Auswirkungen haben.Wie meinen Sie das?Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Risikopatient ins Spital gebracht und an die Beatmungsmaschine angeschlossen werden muss, ist höher. Diese Plätze sind beschränkt verfügbar und die Pflege ist unglaublich aufwendig, denn sie bindet mehrere Personen. Und auch jeder Nicht-Coronapatient hat Anrecht auf eine funktionierende Notfallversorgung.Trotzdem konnten Sie vorausahnen, dass es heftige Reaktionen geben könnte.Das stand nicht im Vordergrund, sondern die griffigeren Massnahmen. Wir haben diese lange diskutiert und am Schluss einen einstimmigen Entscheid gefällt. Diese Massnahme war wichtig und brachte Wirkung. Denn auf diese Weise haben wir auch die Jungen abgeholt, denen der Ernst der Lage plötzlich bewusst wurde. Schön war dann zu sehen, dass sich viele Senioren übers Wochenende bei uns gemeldet haben und mitteilten, dass sie sich nun freiwillig daran halten würden. Es gab Kritik aus der Risikogruppe, die extremste jedoch kam von auswärts. Teilweise war die Kritik auch unter der Gürtellinie oder wurde persönlich. Das tut weh und hat mich beschäftigt.Ein Kritikpunkt war, dass die Regierung offenbar nichts von diesem Entscheid wusste. Stimmt das?Der Regierungsrat hat den Kafur eingesetzt mit Aufgaben, Verantwortung und Kompetenz. Das heisst, dass der Kafur, gestützt auf die geltenden Gesetze, in seiner Funktion Entscheide fällen kann. Der Regierungsrat genehmigt das formell im Nachhinein. Aber genau für solche raschen Entscheidungen sind wir in Charge. Dafür trage ich auch die Verantwortung, bin aber froh, dass sich die Regierung vor uns stellte.Die Anzahl Patienten steigt in Uri klar an, nun sind bereits über 30 infiziert. Wie geht der Kafur damit um?Bis jetzt läuft die Kurve zeitverzögert parallel zu jener von Italien, dem Tessin oder anderen Kantonen. Für uns heisst das, dass Kontakte noch deutlicher vermieden werden müssen. Zudem treffen wir Vorbereitungen, für eine verschärfte Situation. Für das Spital haben wir ein vierstufiges Modell. Sobald mehrere Patienten das Spital belasten, können wir die weiteren Stufen in Betrieb nehmen.Wie steht es um die Kapazitäten?Wir haben zwei Intensivplätze mit Beatmungsmöglichkeit, vier Notplätze, und man könnte noch eine weitere Station in Betrieb nehmen, wo man Patienten beatmen kann. In der früheren Geriatrie würde die Coronastation eingerichtet für hospitalisierte Infizierte, die nicht beatmet werden müssen. Notfallpatienten ohne Corona könnte man zudem auslagern. Eine genaue Zahl der Kapazität kann zurzeit nicht konkret abgeschätzt werden. Aber sie ist beschränkt und vor allem die Beatmungsplätze sind kritisch.Und was ist mit Zivilschutzanlagen und mobilen Stationen?Wir prüfen das. Allenfalls wird eine Anlage vorsorglich in Betrieb genommen. Allerdings bringt es nichts, alle möglichen Anlagen zu betreiben, wenn nicht genügend Personal dafür vorhanden ist.Es gibt Experten, die verlangen, dass mehr getestet wird. Wie hoch ist die Grenze für einen Test in Uri?Schweizweit sind es 8000 Tests, die täglich gemacht werden können. Bei uns testen nur das Spital und eine mobile Gruppe der Spitex. Wir achten auf Augenmass.Die Einsatzkräfte werden physisch und psychisch stark belastet. Sind Sie gewappnet für den Moment, dass wichtige Leute ausfallen?Ja. Wir achten darauf, dass wir die Vorgaben des BAG auch im Stab einhalten. Sobald jemand die kleinsten Anzeichen einer Erkrankung aufweist, wird er am Rapport nicht mehr teilnehmen.Bis wann soll der Kafur denn im Einsatz stehen?Man denkt nicht in Tagen oder Wochen, sondern in Monaten. Vorderhand gehen wir von Ende Mai aus.Eine Zeit, in der auch die Wirtschaft eingeschränkt wird. Wie stark fliesst das in Ihre Entscheidungen ein?Wir haben grossen Verständnis dafür, dass viele Leute jetzt auch Existenz-Sorgen haben. Aber wir können in dem Moment auch stolz auf die Schweiz sein. Der Bund hat ein Paket für die Wirtschaft geschnürt und schnelle Verfahren eingeführt – eine Glanzleistung. Aber bei uns sind die Auswirkungen immer wieder Thema, deshalb sitzt auch die Volkswirtschaft am Tisch.Immer wieder wurde kritisiert, der Bund mache unklare Vorgaben. Hat sich dies verbessert?Für mich ist Perfektion der Feind von gut. Uns ist klar, dass der Bund nicht alles von Anfang an regeln kann, aber er beantwortet Fragen sehr rasch.Wie stark sind Sie mit Nachbarkantonen verbunden?Unser Fokus liegt auf dem Kanton Uri. Aber wir haben aktuelle Lageberichte aus den anderen Kantonen, das stellt den Austausch sicher.Die Polizei achtet darauf, dass die Vorgaben eingehalten werden. Wie sehen die Einsätze aus?Die Polizei hat ihre Organisation angepasst. Die Arbeit im Schwerverkehrszentrum wurde heruntergefahren, dadurch hat man Personal für die Triage etwa beim Kantonsspital gewonnen. Zudem patrouilliert die Polizei, spricht Gruppen an. Die Polizisten gehen in die Einkaufscenter und ermahnen nötigenfalls. Jetzt werden auch Unternehmen und Baustellen kontrolliert.Welche Sanktionen wendet die Polizei an?Sie kann seit Freitag Ordnungsbussen von 100 Franken verteilen. Wir haben noch keine ausgesprochen. Aber das Instrument, das uns der Bund gegeben hat, ist gut, denn so können lange Verfahren verhindert werden. Je länger die Krise dauert, desto eher rücken psychische Aspekte in den Fokus. Man hört in China und Italien von erhöhten Scheidungsraten oder häuslicher Gewalt. Werden diese Themen auch behandelt?Ja, immer wieder. In Uri gibt es Unterstützung vom SRK, das die angebotene Hilfe koordiniert. Den Leitsatz, den wir im Kafur-Konferenzsaal an die Wand gehängt haben, ist: «Distanz halten, damit wir wieder zusammenwachsen können.» Als Urner können wir auch stolz sein, dass die Leute zueinander schauen. Hier hilft Uri die Kleinheit des Kantons.Welches sind für Sie weitere Lichtblicke in diesen Zeiten?Beim Spitalpersonal suchen wir nach freiwilligen Aushilfen. Es gibt Leute, die bereit sind, mitzuhelfen. Auch die Armee stellt Spitalpersonal bereit. Und für mich sind es auch diese Momenten, in denen uns etwa jemand aus einer Risikogruppe anlächelt und uns sagt, dass wir die Arbeit gut machen. Hinzu kommen Patienten, die als geheilt gelten. Der Bundesrat hat die richtige Linie gewählt. Alle wollen das Beste für uns.

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