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22.04.2019 17:00

Ein Leben auf der Flucht: Der Syrer Ziad Al Mahmoud aus Unterägeri ist bereits zweimal geflohen

  • Ziad Al Mahmoud in seinem Zimmer in Unterägeri. Im Hintergrund ist die syrische Flagge zu sehen. (Bild: Stefan Kaiser, 15. April 2019)
ZUG ⋅ Ziad Al Mahmoud war Student, als er aus seiner Heimat Syrien floh und er war in seinen besten Jahren, als er auch seine neue Heimat Russland aus Angst vor dem Assad-Regime verliess. Doch auch in der Schweiz kann er nicht heimisch werden.

Christopher Gilb

Vergangenen Freitag hatte Ziad Al Mahmoud, geboren in Damaskus, wohnhaft in einem kleinen Zimmer im baufälligen Haus an der Zugerstrasse in Unterägeri, Geburtstag. Doch dem 48-Jährigen mit dem gepflegten Äussern und dem sanften Lächeln war nicht zum Feiern zu Mute. Das hat damit zu tun, dass er trotz seiner guten Arbeitszeugnisse keine Anstellung findet und sich langweilt, seine Schwester nicht besuchen kann, obwohl sie gar nicht so weit weg wohnt, seine Frau nur so selten sieht und in seiner Heimat Syrien immer noch Baschar al-Assad an der Macht ist. «Natürlich würde ich mir wünschen, irgendwann mein Land wieder aufzubauen und beispielsweise Kinder in Fremdsprachen zu unterrichten, als Oppositioneller wäre das aber derzeit unmöglich. Ich müsste um Leib und Leben fürchten», sagt er, der bereits zweimal geflohen ist.

Die Flucht, die war gewissermassen sogar schon da, bevor er geboren wurde. «Meine Familie lebte auf den Golanhöhen. Dann, vier Jahre vor meiner Geburt, wurden diese im Sechstagekrieg 1967 durch Israel besetzt und meine Familie musste in die Hauptstadt Damaskus fliehen.» Doch auch dort sei die Familie nicht zur Ruhe gekommen. «Ab den 80er-Jahren gab es immer mehr Repressionen.» Es war die Zeit von Hafiz al-Assad, Vater des heutigen Präsidenten Baschar al-Assad. Ziad Al Mahmoud erwähnt das Massaker von Hama. Als Reaktion auf einen Aufstand der sunnitischen Muslimbrüder griffen die syrischen Streitkräfte 1982 die Stadt in Mittelsyrien an. 20 000 bis 30 000 Menschen wurden während des Angriffs getötet.

Ziad Al Mahmoud gehört der Minderheit der Turkmenen an, die ebenfalls überwiegend Sunniten sind. Er ist ein Nachfahre der osmanisch-türkischen Bevölkerung, welche nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches in Syrien verblieben war. Jedoch dort zunehmend unter der Arabisierungspolitik und Einschränkungen bei der Auslebung ihrer Kultur zu leiden hatte. Als junger Student habe er dagegen demonstriert, mehr Demokratie und Bürgerrechte gefordert, so Al Mahmoud. Doch die Repressionen durch die Geheimpolizei hätten stetig zugenommen. «Ich wurde mehrfach verhört. Und hatte Angst.»

In Moskau gegen Assad demonstriert

Es war das Jahr 1991, als der angehende Dolmetscher für Französisch sein Studium abbrach und seine Heimat verliess. «Das war sehr frustrierend für mich, aber es ging nicht anders», erinnert er sich. Al Mahmoud floh erst nach Turkmenistan. «Ich hoffte, wegen meiner Abstammung vielleicht einen Pass zu erhalten, das klappte aber nicht.» Nach zehn Jahren und einer Festnahme wegen illegalen Aufenthalts ging er nach Russland weiter und arbeitete dort jahrelang illegal als Dolmetscher:

«Das war nicht weiter ein Problem, denn mit Geld ist dort alles möglich.»

Dann, 2005, sei sein Antrag für eine syrische Passverlängerung endlich nicht mehr abgelehnt worden. So sei es ihm möglich gewesen, einen Abschluss als Fremdsprachenlehrer für Französisch am Moskauer Institut für Fremdsprachen zu machen. In Moskau lernte er auch seine heutige Frau, eine Russin, kennen. Alles sei gut gewesen. Aber 2011 sahen er und andere Syrer dort ihre Chance auf eine baldige Rückkehr in die Heimat gekommen. Im Zuge des arabischen Frühlings begehrte die Bevölkerung gegen das Assad-Regime auf. In Moskau gründeten Exilsyrer den sogenannten Unterstützungsausschuss der syrischen Revolution. Ziad Al Mahmoud war dabei. Er zeigt ein Video, auf dem eine Demonstration in Moskau zu sehen ist. Eine Person hat das Schild französisch beschriftet. «Das bin ich», sagt er.

Doch aus der anfänglich friedlichen Revolution wurde ein Krieg und Russland zum wichtigsten Unterstützer des Regimes. «Vier meiner Mitstreiter wurden festgenommen und direkt nach Syrien deportiert, auch mein Name stand auf einer Liste der Gesuchten», erinnert er sich. Wieder packte er also seine Sachen. «Es musste schnell gehen.» Für die Schweiz habe er sich entschieden, weil es bekannt sei, dass hier der Schutz der Menschenrechte einen hohen Stellenwert habe, sagt er. Mit Hilfe von Schleppern kam er dann nach Westeuropa.

Es war das Jahr 2015 und mit ihm kamen Millionen andere. Syrer, die entweder vor Assad oder vor dem islamischen Staat flohen. Die Zeitungen waren voll mit ihren Geschichten und Ideen, wie man sie integrieren kann. Doch dann kam das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei und auch der IS verlor eine Bastion nach der anderen. Und nun ist der Krieg bis auf einige Scharmützel so gut wie vorbei. Und immer noch an der Macht ist bekanntlich Baschar al-Assad. Und mit dem Rückgang der Flüchtlingszahlen veränderte sich auch der öffentliche Fokus. Neue Brandherde taten sich auf. Doch Menschen wie Ziad Al Mahmoud sind weiterhin hier. Und zurück kann er nicht.

Schwierigkeiten Fuss zu fassen

Anfänglich habe er gehofft, wegen seiner Sprachkenntnisse in die französische Schweiz gehen zu können, erinnert er sich. Doch man wies ihn dem Kanton Zug zu.

«Das war aber für mich kein Problem, ich bin dankbar, hier sein zu können, und lernte eifrig Deutsch.»

Stolz zeigt er sein Deutsch-Diplom auf Stufe B1. Es sei alles gut gegangen. Bis er seinen Asylentscheid erhalten habe. Dieser lautet vorläufig aufgenommen (F). Personen werden vorläufig aufgenommen, wenn die Wegweisung nicht möglich, nicht zulässig oder nicht zumutbar ist, beispielsweise wegen eines Krieges im Herkunftsstaat. Dies trifft auf viele Syrer, Afghanen oder Eritreer zu. Nur wer beweisen kann, dass er persönlich verfolgt wird, hat Anrecht auf einen Flüchtlingsstatus und erhält die Aufenthaltsbewilligung B. «Das war ein herber Rückschlag für mich, denn ich war ja eben persönlich in Gefahr», sagt Al Mahmoud. Ein Anwalt hat für ihn nun Rekurs gegen den Entscheid eingelegt. Denn dieser habe Konsequenzen (siehe Box).

Al Mahmoud hat zwei Praktika in der Schweiz gemacht, bei GGZ@Work und im Seniorenzentrum Mülimatt. Beide Arbeitszeugnisse sind sehr gut. Und trotzdem erhalte er auf seine Bewerbungen nur Absagen. «Der Grund ist sicher, dass alle fälschlicherweise denken, als vorläufig Aufgenommener müsste man jeden Moment wieder das Land verlassen, und deshalb lieber kein Risiko eingehen.» Er sei wirklich frustriert und langweile sich grenzenlos. Und noch einen anderen Nachteil habe sein Status:

«Um nicht immer so einsam zu sein, wollte ich meine Schwester besuchen, die in Stuttgart lebt, doch mein Antrag wurde abgelehnt.»

Nach Auskunft des kantonalen Migrationsamts haben vorläufig Aufgenommene keinen Anspruch auf Reisen ins Ausland. Nur in begründeten Fällen könnten diese ausnahmsweise vom Bund erlaubt werden. Und auch seine Frau sehe er sehr selten, so Al Mahmoud weiter. Für die Russin sei der Flug in die Schweiz jeweils sehr teuer. Und ohne richtigen Verdienst könne er nicht helfen. Mit so vielen Einschränkungen, befindet er niedergeschlagen, sei es schwierig die Schweiz als neue Heimat zu betrachten, obwohl er eine solche so gerne hätte.

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